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Gewinne | 03.02.2010 16:15:16
Die neuen Wachstumsriesen der Börse
Wie sieht die Zukunft aus? Untersucht wurden die Gewinnschätzungen der Analysten für 2010 und 2011. Wie sehen die Prognosen aus, wo gibt es Überraschungen und welche Aktien sind interessant?
Haifischschnauze statt Bananengrill: Die Form der berühmten Kühlerniere ist die auffälligste Designinnovation. Ansonsten gilt: keine Experimente. "Sauber und aufgeräumt" sehe die neue Generation der 5er-Limousine aus, urteilt Chefdesigner Adrian van Hooydonk. Im März rollt die besonders als Dienstwagen beliebte Karosse in die Verkaufshallen und soll die Geschäfte bei BMW auf Touren bringen. Im vergangenen Jahr ging es beim Münchner Autobauer in fast allen Modellreihen abwärts. Die Verkaufszahlen der 5er-Reihe sanken, bedrängt durch Wirtschaftskrise und neuere Konkurrenzmodelle, in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres um fast 18 Prozent. Die große Modelloffensive soll den Verkauf ankurbeln und den Druck, Kunden mit Rabatten ködern zu müssen, mildern. Parallel dazu senkt BMW massiv die Kosten: Materialeinkauf, Produktionsprozesse – an jeder Schraube wird gedreht. Um durchschnittlich mehr als 20 Prozent niedriger sollen die Herstellungskosten neuer BMW-Modelle ausfallen, verriet Finanzvorstand Friedrich Eichiner unlängst vor Analysten.
Die Anstrengungen sollen sich bezahlt machen: Bereits in diesem Jahr erwarten Börsianer deutliche Gewinnverbesserungen bei den Münchnern. Nachdem für 2009 unter dem Strich laut Konsensschätzung lediglich ein Gewinn von 25 Cent je Aktie übrig geblieben sein dürfte, soll es 2010 kräftig aufwärts gehen. Ein Gewinnplus von fast 525 Prozent trauen Analysten BMW zu – so viel wie keinem anderen Konzern im DAX. Das zeigt eine Analyse von €uro am Sonntag, für die die Redaktion die Gewinnschätzungen der wichtigsten Investmenthäuser für 2010 und 2011 ausgewertet hat.
Die Zahlen verdeutlichen: Die Börsenprofis haben die schlimmste Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit verabschiedet. Bis auf die Commerzbank werden alle DAX-Mitglieder laut Konsensschätzung in diesem Jahr ihre Gewinne verbessern oder in die Gewinnzone zurückkehren. Acht Unternehmen aus dem deutschen Leitindex sollen sogar um mehr als 30 Prozent zulegen.
Auch in den anderen Indizes der DAX-Familie rechnen Börsenprofis mit deutlichen Gewinnverbesserungen – bei fast jedem dritten Unternehmen aus MDAX, SDAX und TecDAX für das laufende Jahr sogar um mehr als 30 Prozent.
Am wichtigsten für Anleger ist natürlich der DAX: Unter dem Strich erwarten die Profis für den Leitindex 2010 einen Gewinnanstieg von rund 45 Prozent. Das erscheint auf den ersten Blick ambitioniert. Bei genauerer Betrachtung allerdings relativiert sich die Prognose: Da sind zunächst die niedrigen Vergleichswerte. 2008 und 2009 sind die Gewinne der DAX-Konzerne stark eingebrochen. Bei BMW beispielsweise würde bei den deutlichen Steigerungen, wie sie Analysten dem Konzern zutrauen, vor Steuern ein Gewinn von 2,9 Milliarden Euro anfallen – etwa eine Milliarde weniger als beim Vorkrisenhoch 2007.
Verzerrt wird die Indexstatistik zudem durch einzelne Unternehmen, die ihre Verluste deutlich verringern oder in die Gewinnzone zurückkehren. Daimler, ThyssenKrupp und Commerzbank sollen nach Hochrechnung der Deutschen Bank allein etwa die Hälfte des gesamten für 2010 kalkulierten Gewinnanstiegs des DAX beisteuern. Von Daimler als größtem Brocken wird nach einem Verlust von voraussichtlich 1,8 Milliarden Euro ein Plus von 1,5 Milliarden erwartet. Auch beim Stuttgarter Autokonzern sollen massive Sparprogramme wirken. Aus Sicht der US-Bank Goldman Sachs werde es sogar positive Langzeitwirkungen durch die historische Krise geben. Das Argument: Die Rezession sei so schwerwiegend gewesen, dass beinahe jede Firma kräftig restrukturieren musste. Die niedrige Kostenbasis erhöht jetzt in einem sich verbessernden Konjunkturumfeld den Hebel für Gewinnsteigerungen.
Schon in der Vergangenheit sind Konzerne schwungvoll aus Konjunkturkrisen gestartet. In Erholungsphasen haben die DAX-Konzerne bereits mehrmals jährliche Gewinnsteigerungen von mehr als 30 Prozent erzielt, konstatiert die Deutsche Bank in einer Untersuchung.
Hohes Gewinnwachstum wiederum verschafft den Aktien der jeweiligen Unternehmen Kurspotenzial, da sich wichtige Bewertungskennziffern deutlich verbessern. Für die Lufthansa etwa steht für das laufende Jahr auf Basis der aktuellen Schätzungen ein alarmierend hohes Kurs-Gewinn-Verhältnis von mehr als 80 zu Buche. Steigen die Gewinne allerdings wie von Börsianern kalkuliert, würde sich die bei Investoren viel beachtete Kennziffer bereits 2011 auf zwölf reduzieren.
Wie zuverlässig aber sind die Schätzungen der Analysten? In den vergangenen drei Jahren waren sie viel zu optimistisch. Besonders krass 2008 und 2009. Damals prognostizierten die Profis zu Jahresbeginn für den DAX eine Gewinnsteigerung von zehn Prozent – tatsächlich stand am Jahresende jeweils ein dickes Minus. Aktien, die ursprünglich günstig schienen, entpuppten sich also im Jahresverlauf als zunehmend teuer.
Eine längerfristige Analyse zeigt aber auch, dass die Börsenprofis nach massiven Gewinneinbrüchen die Dynamik der Gewinnerholung zuletzt unterschätzt hatten. Daher schnitten die DAX-Konzerne in den Jahren 2003 bis 2006 besser ab als jeweils zu Jahresbeginn von Börsenprofis kalkuliert. Entsprechend sieht Goldman Sachs bei einer Analyse der europäischen Aktienmärkte erneut Chancen auf positive Überraschungen. Die jetzt angelaufene Berichtssaison jedenfalls stützt die Optimisten. Während sich im DAX noch kein klarer Trend abzeichnet, dominieren in den USA die positiven Nachrichten. Im breit aufgestellten Aktienindex S & P 500 hatten laut Datenbank des Finanzdiensts Bloomberg bis Freitag 188 Unternehmen ihre Geschäftszahlen für das vergangene Quartal vorgelegt – 150 schnitten besser ab als erwartet. Das entspricht einer positiven Überraschungsquote von fast 80 Prozent, also deutlich über dem historischen Mittelwert von etwa 65 Prozent.
Die Börse lässt sich von solchen Erfolgsmeldungen dieser Tage allerdings nicht beeindrucken. Alle großen Aktienindizes haben seit dem Jahreshoch Anfang des Monats deutlich an Wert eingebüßt. Paradox: Im vergangenen Jahr reichte bereits die vage Andeutung, dass der Tiefpunkt der Krise in Sichtweite sei, für deutliche Kursgewinne. Jetzt sind Anleger trotz spürbarer Gewinn-zuwächse zurückhaltend.
Störfeuer kommen aus der Politik. US-Präsident Barack Obama hat mit seinen Forderungen nach einer verschärften Regulierung des Finanzsektors nicht nur Bankaktien unter Druck gesetzt. Indirekt, so die Sorge, könnten staatliche Auflagen die Kreditversorgung einschränken und damit andere Branchen in Mitleidenschaft ziehen.
Auch die im Zuge staatlicher Rettungsprogramme massiv gestiegene Staatsverschuldung bereitet Kopfzerbrechen. In Europa könnte nach Griechenland die Kreditwürdigkeit weiterer Staaten herabgestuft werden. Irland, Portugal und Spanien gelten als potenzielle Krisenherde. In China wiederum zeichnet sich ab, dass die Regierung aus Angst vor einer Überhitzung die Kreditvergabe einschränken wird. Das würde auch westliche Konzerne treffen, für die das asiatische Riesenreich immer mehr an Bedeutung gewinnt. Nicht zuletzt bleibt die Sorge, ob sich nach Auslaufen der staatlichen Hilfsprogramme wirklich ein sich selbst tragender Aufschwung etablieren kann.
Die Gefahren sind nicht zu unterschätzen, aber auch nicht wirklich neu. Optimisten erinnern an die beiden Schwächephasen des vergangenen Jahres. Im Sommer war der DAX vorübergehend um elf Prozent eingeknickt, im Herbst noch mal um acht Prozent – Verluste, die schnell aufgeholt waren. Viele Aktienstrategen halten trotz der aktuellen Verunsicherung an ihren optimistischen Prognosen für die erste Jahreshälfte fest: "Die negativen Nachrichten sind nicht so gravierend, dass das positive Gesamtszenario ins Wanken geraten würde. Die Frühindikatoren sprechen weiterhin für eine Konjunkturerholung und steigende Unternehmensgewinne. Durch die Kursrückgänge ist die Bewertung vieler Aktien sogar attraktiver geworden", heißt es bei M.M. Warburg.
Von einer "normalen und gesunden" Konsolidierung spricht die LBBW. Die Unicredit rät Anlegern, die Schuldenkrise Griechenlands genau zu beobachten: "Eine mögliche Zuspitzung der Spannungen hin zu einer Glaubwürdigkeitskrise, in der ernsthaft am Verbleib eines Landes in der Europäischen Währungsunion gezweifelt wird, würde sich sehr negativ auf die Aktienmärkte auswirken." Per saldo dominierten aber weiterhin die positiven Faktoren, sodass man dem DAX in der ersten Jahreshälfte unverändert einen Anstieg auf 6500 Punkte zutraue.
In diesem Szenario müssten Aktien mit hohem Gewinnpotenzial überdurchschnittliche Chancen haben. Allerdings sollten Anleger nicht blind auf Titel mit den höchsten Wachstumsraten setzen. Unternehmen mit extrem hohen Werten haben meist gerade erst den Sprung in die Gewinnzone geschafft und sind daher anfällig für Rückschläge.
Redaktion der w:o capital AG