Der berühmteste „Brief an die Aktionäre“ stammt von Warren Buffett, der Investorenlegende aus dem abgelegenen Omaha. Buffett als Gründer der Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway beteiligt sich an Unternehmen, weswegen seine Zeilen genauestens studiert werden mit der Absicht, Hinweise auf Buffetts Shortlist zu erhalten. Vom „Orakel von Omaha“ als Investment ausgewählt zu werden gilt als Ritterschlag, häufig explodieren die Kurse nach seinem Einstieg.


Während Buffett stets auch über seine Sicht der Dinge im gesamtwirtschaftlichen Zusammenhang informiert, basiert sein Ruhm natürlich in erster Linie auf dem goldenen Händchen bei der Auswahl einzelner Titel. Der Einfluss von BlackRock auf die gesamten Aktien- und Anleihemärkte hingegen kann kaum überschätzt werden. Allein durch die schiere Marktmacht sind Adjustierungen der Anlagestrategien durchgreifend. Deshalb ist es für Investoren so wichtig zu beobachten, welchen Kurs Fink und seine Strategen einschlagen. Vielen gilt das jährliche BlackRock-Schreiben daher als wahre Mutter aller Briefe an die Aktionäre.


Die Corona-Krise ist auch für einen alten Finanzmarkt-Haudegen wie Larry Fink außergewöhnlich: "In meinen 44 Jahren in der Finanzindustrie habe ich noch nichts Vergleichbares erlebt", schreibt der 67-Jährige an seine Aktionäre. Die Pandemie werde die Wirtschaft und die Gesellschaft weltweit grundlegend verändern: Reisen, Konsum, Geschäftswelt, auch das Verhalten der Investoren werde sich verändern.


"Um diese Krise zu besiegen, brauchen wir eine Antwort, die über die Partei- und Landesgrenzen hinausgeht", schreibt Fink weiter: „Die Welt wird diese Krise überstehen. Die Wirtschaft wird sich erholen." Damit böten sich Anlegern, die jetzt den Blick auf neue Horizonte richten „enorme Chancen". Finks Einschätzung: "Unternehmen mit langfristigem Ansatz werden die Krise besser meistern.“ Kleiner Trost für alle, die derzeit überlegen, wann denn der beste Zeitpunkt gekommen ist, wieder massiv einzusteigen: Das weiß auch Larry Fink nicht. Seriös könne das niemand vorhersagen, so der CEO. Er selber und seine Kollegen bei BlackRock hätten immer an die langfristige Perspektive geglaubt. Wie die auf elf Seiten formulierte Erwartung einer veränderten Geldanlage konkret ausgestaltet werden soll erfahren die Leser ebenfalls: Das Nachhaltigkeitsthema werde zukünftig dominieren.


Deshalb verweist Fink ganz ausdrücklich auf sein Schreiben im Januar an Unternehmenslenker, in dem er mehr Einsatz gegen den Klimawandel eingefordert hatte. Ausdrücklich verweist er auf den Wert, der in nachhaltigen Portfolios steckt. So gesehen könne man die aktuelle Krise als Chance und auch als Katalysator für neue Finanzprodukte verstehen, die Kriterien wie Umweltschutz, Soziales und gute Unternehmensführung stärker berücksichtigen.


Im Schreiben an die CEOs hatte er seinerzeit klare Erkenntnisse vermittelt: „Der Klimawandel ist für die langfristigen Aussichten von Unternehmen zu einem entscheidenden Faktor geworden.“ Im vergangenen September seien Millionen Menschen auf die Straße gegangen, um Maßnahmen gegen den Klimawandel zu fordern. Viele von ihnen brachten die erheblichen und nachhaltigen Auswirkungen der Klimaveränderung für Wirtschaftswachstum und Wohlstand zum Ausdruck. „Ein Risiko, das die Märkte bislang nur zögerlich zur Kenntnis nehmen. Aber das Bewusstsein ändert sich rasant, und ich bin überzeugt, dass wir vor einer fundamentalen Umgestaltung der Finanzwelt stehen“ befindet der BlackRock-CEO.


Klimarisiken würden Anleger zwingen, ihre zentralen Annahmen zur modernen Finanzwirtschaft zu überdenken. Fink gibt eine Reihe konkreter Beispiele um festzustellen: „Klimarisiko ist auch ein Anlagerisiko.“ Tatsächlich sei der Klimawandel fast immer das wichtigste Thema bei Gesprächen mit den Kunden überall auf der Welt: „Überall fragen sich Anleger, wie sie ihre Portfolios anpassen sollen. Dabei versuchen sie, die physischen Risiken des Klimawandels und die Auswirkungen der Klimapolitik auf Preise, Kosten und die Nachfrage in der gesamten Wirtschaft zu verstehen.“


All diese Fragen haben eine grundlegende Neubewertung von Risiken und Vermögenswerten zur Folge. Und weil Kapitalmärkte künftige Risiken vorab einpreisen, „werden wir bei den Kapitalallokationen schneller Veränderungen sehen als beim Klima selbst. Schon bald – und früher als von den meisten erwartet – wird es zu einer erheblichen Umverteilung von Kapital kommen.“ Natürlich darf ein wenig Werbung nicht fehlen, und so kündigt Larry Fink an: „Als Treuhänder des Vermögens unserer Kunden haben wir die verantwortungsvolle Aufgabe, sie bei diesem Übergang zu unterstützen. Wir sind überzeugt, dass nachhaltige und klimabewusste Portfolios Anlegern bessere risikobereinigte Renditen bieten können. BlackRock wird sich deshalb von Anlagen trennen, die ein erhebliches Nachhaltigkeitsrisiko darstellen, wie zum Beispiel Wertpapiere von Kohleproduzenten. „Wir werden neue Anlageprodukte auf den Markt bringen, die Investments in fossile Brennstoffe ausschließen, und uns bei unseren Investment-Stewardship-Aktivitäten noch stärker für Nachhaltigkeit und Transparenz einsetzen“ kündigt er an.


Inflationsschübe in den 1970er und frühen 1980er Jahren, Asienkrise 1997, die Dot-Com-Blase und zuletzt die globale Finanzkrise – er habe viel erlebt, letztlich seien es aber temporäre Krisen gewesen. Aber: „Beim Klimawandel ist das anders. Selbst wenn nur ein Bruchteil der prognostizierten Auswirkungen tatsächlich eintritt, haben wir es hier mit einer grundlegenderen, langfristigen Krise zu tun. Unternehmen, Anleger und Regierungen müssen sich daher auf eine beträchtliche Umschichtung von Kapital vorbereiten.“