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Carmignac „Märkte stellen Macht der Zentralbanken in Frage“

Carmignac Foto: © / Carmignac / Jean MédecinNicht die Zentralbanken, sondern die Unternehmensgewinne sind für ein Investment entscheidend.

Im Interview mit FondsDISCOUNT.de verkündet Jean Médecin von Carmignac eine Rückkehr zur Fundamentalanalyse. Unternehmen müssten ihre Gewinne steigern, um das Vertrauen der Investoren zu gewinnen. Die EZB befinde sich in einer unangenehmen Situation.


FondsDISCOUNT.de: Herr Médecin, als Portfolio Advisor bei Carmignac werden Sie von renommierten Wirtschaftsmedien – wie zum Beispiel Bloomberg – regelmäßig um Ihre Einschätzung der aktuellen Marktgeschehnisse befragt. Haben die Märkte im Hinblick auf die Ausweitung der Geldpolitik der EZB so reagiert, wie Sie das erwartet haben?

Jean Médecin: Die Märkte stellen die Macht der Zentralbanken in Frage. Das hatten wir auch erwartet. Die Maßnahmen der EZB äußerten sich zunächst in einem Erstarken des Euro, die Aktienmärkte hingegen haben sich schwächer gezeigt. Die eigentliche Frage aber ist: Werden die Maßnahmen Mario Draghis zu einer höheren Inflation führen? – Und da hat sich gezeigt, dass die Mittel der Zentralbanken diesbezüglich sehr begrenzt sind. Die Inflation von Waren und Dienstleistungen ist immer noch auf einem sehr niedrigen Niveau. Wir glauben, dass die EZB Schwierigkeiten hat, die Inflation noch wesentlich weiter anzutreiben. Es könnte andererseits zu einer Fehlallokation des Kapitals kommen. Das Geld fließt überwiegend in Assets wie Aktien, Anleihen oder auch Immobilien. Die Immobilienpreise in Europa steigen und das bringt die EZB in eine ziemlich unangenehme Situation.

FD: Die EZB will noch im zweiten Quartal damit beginnen, Unternehmensanleihen zu kaufen. Ist der Markt dafür überhaupt groß genug, um die zusätzlichen 20 Milliarden Euro jeden Monat zu verdauen?
Médecin: Ja, das ist er. Die EZB hat aber noch keine spezifischen Regeln kommuniziert, nach denen sie den Kauf der Unternehmensanleihen organisieren will. Es besteht die Gefahr, dass Trader damit aufhören, diese Anleihen zu „shorten“. Das wiederum kann zu Liquiditätsengpässen führen.

Besteht die Gefahr, dass der Markt zusammenbricht?
Nein, das nicht. Aber es könnte zu einem „Einfrieren“ des Marktes kommen.

Welche Unternehmensanleihen könnten von der EZB bevorzugt gekauft werden? Stehen die Banken auf der Liste von Mario Draghi vielleicht ganz oben?
Darüber kann derzeit nur spekuliert werden. Die Anleihen müssen aber bestimmten Kriterien entsprechen. Sie müssen aus dem Investment Grade Bereich stammen. Vorstellbar wäre, dass die EZB das Ausmaß für den Kauf der Unternehmensanleihen an der relativen Größe des jeweiligen Mitgliedslandes ausrichten könnte.

Wäre es nicht möglich, dass die Banken durch eine Hintertür eine Gelegenheit bekämen, um schlecht performende Assets aus ihren Bilanzen an die EZB abzugeben?
Nein, das glaube ich nicht. Denn die Ankäufe der EZB sind an Qualitätsstandards gebunden. Zudem muss der EZB-Rat den Ankäufen zustimmen.

Was bleibt den Kreditinstituten im aktuellen Niedrigzinsumfeld noch, um profitabel zu bleiben?
Die Banken haben viele Möglichkeiten, außer mit kurzlaufenden Anleihen Geld zu verdienen. Außerdem hat die EZB ja mit ihrer erneuten Absenkung des Einlagezinses den Druck auf die Banken erhöht, mehr Kredite zu vergeben. Das war ein relativ schlauer Schachzug und könnte die Profitabilität der Banken mittelfristig wieder steigern. Aber natürlich hinterlassen die aktuellen Regulierungen des Finanzsektors ihre Spuren. Die Finanzinstitute müssen ihre Bilanzen bereinigen und mehr Eigenkapital vorhalten – das alles hat negative Auswirkungen auf den Sektor.

Wo liegen für Carmignac die größten Investitionsmöglichkeiten?
Unternehmensanleihen sind interessant – z.B. von Unternehmen aus dem Energiesektor. Wir gehen davon aus, dass wir in dem Markt bereits die Schmerzgrenze erreicht haben. Einige Unternehmen werden wahrscheinlich untergehen. Die Player mit den besten Bilanzen, Geschäftsmodellen und Gewinnchancen werden in dem Umfeld zur Basis für neue Investments. Der Wert dieser Assets liegt aber in der Selektivität. Viele Investoren haben nicht die Zeit oder das Knowhow, um die Assets mit den besten Opportunitäten auszuwählen.

Fondsmanager müssen dadurch ein höheres Risiko eingehen, um die sinkenden Renditen im Rentenmarkt zu kompensieren. Werden private Investoren dieses Risiko zu spüren bekommen?
Ich denke nicht. Man muss nur wissen, wie man mit so einem Marktumfeld umgeht. Die Aktienmärkte sind derzeit hoch bewertet. Im Fixed-Income-Bereich sinken die Renditen. Das heißt aber nur, dass passive Long-Only-Strategien keine hohen Gewinne mehr abwerfen. Aktive Manager haben aber durchaus noch weitere Strategien. Man muss das Risiko mit offenen Armen empfangen, wenn sich dadurch Möglichkeiten ergeben. Wenn die Opportunitäten gering sind, dann sollte man das Risiko eher meiden.

Lesen Sie in Teil 2:
Jean Médecin: „Wir sehen keinen Grund, bullish zu agieren“
13.04.2016,

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