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Vor dem Referendum Anleger ziehen ihr Kapital aus Italien ab

Eine zerknitterte, italienische Flagge Foto: © / belyay / FotoliaIn Italien wird am Sonntag abgestimmt.

Die Ausgangslage in Italien ist miserabel: Die Banken sitzen auf Milliarden an faulen Krediten, die Wettbewerbsfähigkeit ist schlecht, seit Jahresbeginn steigt die Kapitalflucht deutlich. Nun stimmen die Bürger über die Zukunft von Premier Renzi ab.


Am Sonntag steht in Italien – der drittgrößten Volkswirtschaft in Europa – viel auf dem Spiel: Sollten die Bürger gegen das vom italienischen Premier Matteo Renzi initiierte Verfassungsreferendum abstimmen, wird Renzi wohl seine Ankündigung wahrmachen und zurücktreten. In der Folge drohen Neuwahlen, politische Instabilität und Turbulenzen auf den Finanzmärkten.

Eine Niederlage für Renzi würde auch den italienischen Bankensektor weiter belasten: Allein die Monte dei Paschi, die älteste Bank der Welt, versucht aktuell, fünf Milliarden Euro an Kapital zu besorgen – was dem Siebenfachen des derzeitigen Marktwerts entspricht. Die europäische Bankenaufsicht beziffert den Berg fauler Kredite der italienischen Geldhäuser auf 270 Milliarden Euro.

Gemäß Europäischer Bankenaufsicht müssen bei einer Bankenpleite zuerst die Gläubiger einspringen, also Aktionäre und Konten-, Anleihen- und Sparbrief-Besitzer. Erst dann soll der Steuerzahler in die Verantwortung geholt werden. Doch in Italien wurden in der Vergangenheit gerade an Kleinsparer und Kontenbesitzer Anleihen im großen Stil verkauft. Rund 80 Prozent aller Schuldenschnitt-fähigen italienischen Bankanleihen sind in italienischem Besitz, eine Bankensanierung würde zum kompletten Verlust dieses Vermögens führen – und vor allem die Kleinsparer treffen. Was wiederum die Stimmung im Land noch weiter drücken würde.

Die schlechte Ausgangslage im Land sorgt nun offenbar für eine deutliche Kapitalflucht. Die von Ökonomen in der Vergangenheit häufig als Krisenbarometer genutzten Target-Salden der Euro-Notenbanken liegen aktuell fast so weit auseinander wie auf dem Höhepunkt der Eurokrise, meldet die FAZ. Das Target-System wickelt elektronische, grenzüberschreitende Zahlungen im Euroraum ab und bildet die Geldströme zwischen den Euro-Zentralbanken ab.

Schieflage nimmt zu
Ein Blick auf die Zahlen gibt Klarheit über den Ernst der Lage: Die deutschen Forderungen liegen bei etwa 700 Milliarden Euro, der negative Target-Kontostand der südeuropäischen Zentralbanken steigt im Gegenzug. Das italienische Minus liegt aktuell bei mehr als 355 Milliarden Euro, allein seit Jahresbeginn ist es um mehr als 100 Milliarden Euro gewachsen. Ein negativer Target-Saldo bedeutet, dass Geld aus dem Land abfließt. Bis zur Krise 2007/2008 lagen die Salden alle rund um die Nulllinie, seitdem klaffen sie deutlich auseinander. Nach einer kurzen Beruhigung durchs Draghis berühmten Worten zur Eurorettung – „whatever it takes“ – im Jahr 2012 nimmt die Schieflage seit Anfang 2015 wieder deutlich zu.

„Der Anstieg der Target-Salden ist noch keine Krise, aber ein Weckruf, er signalisiert eine Art verdeckte Kapitalflucht“, so Philipp König vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in der FAZ. Der Abzug von Kapital schürt auch Sorgen vor einem Auseinanderbrechen des Währungsraums. Mittlerweile fürchten auch so viele Investoren wie noch nie einen Austritt Italiens aus der Eurozone – laut Beratungsgesellschaft Sentix 19 Prozent der Befragten.

Nachdem bereits nach dem Brexit und der Trump-Wahl die Märkte relativ ruhig geblieben sind, vermuten auch zahlreiche Ökonomen, dass es auch dieses Mal nicht zum großen Beben kommen wird. Dennoch gilt als sicher, dass sich die Lage in Italien auch die nächsten Jahre nicht wirklich entspannen wird. Ein „Nein“ am Sonntag würde den Prozess zusätzlich verschärfen.
02.12.2016,

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